Reizdarm

Als Reizdarm oder Reizdarmsyndrom (Synonym: Irritables Darmsyndrom (IDS); engl.: irritable bowel syndrome (IBS)) wird eine Veranlagung zu Durchfällen oder Verstopfung bezeichnet, die phasenhaft mal stärker und mal schwächer oder auch im Wechsel zutage tritt, und bei der man sonst keine andere Krankheit als Ursache findet. Oft ist das Reizdarmsyndrom mit Blähungen und einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit des Darms auf Dehnung verbunden. Je länger die Symptomatik geht ohne dass sich eine sonstige Krankheit als Ursache zeigt, desto sicherer wird die Diagnose.

Siehe auch: Reizdarmsyndrom – Neues
Für Patienten: Reizdarm – einfach erklärt

Ursache


Eine einheitliche Ursache des Reizdarmsyndroms ist bisher nicht gefunden worden. Aber eine Vielzahl von Untersuchungs- und Studienergebnissen vervollständigen allmählich ein Bild, bei dem eine genetische Anlage dazu prädestiniert, pathologisch auf eine Veränderung der Darmflora zu reagieren [1]. Die Veränderungen erstrecken sich sowohl auf den Darm selbst als auch auf das Gehirn. Folgende Erkenntnisse nehmen eine Schlüsselstellung im Gesamtbild ein:

Familiäre Belastung, Genetik: Es gibt Hinweise auf eine genetische Prädisposition; eine familiäre Häufung ist bekannt [2]. Es gibt inzwischen mehrere Gen-Kandidaten; darunter wird eine Association mit einem GN?3 C825T Polymorphismus diskutiert [3][4].

Darmflora:Die Darmflora von Patienten mit Reizdarm ist gegenüber Normalpersonen verändert: es wird eine signifikant erhöhte Zahl von Veillonella und Lactobacillus gefunden. Der Stuhl zeigt zudem signifikant höhere Konzentrationen von Essigsäure und Propionsäure [5].

Antibiotika: Eine vorangegangene Antibiotikatherapie stellt ein erhöhtes Risiko dar; möglicherweise führt sie zu einer Alteration der Kolonflora. Auch eine akute Gastroenteritis bildet ein erhöhtes Risiko für ein Reizdarmsyndrom – wohl aus demselben Grund [6]. Eine Infektion mit Mycobacterium avium subsp. paratuberculosis (oft durch Verzehr von handgemachtem Käse erworben) wird als eine mögliche Ursache des Reizdarmsyndroms (wie auch des Morbus Crohn) diskutiert [7].

Meteorismus: Es findet sich beim Reizdarmsyndrom eine signifikant vermehrte Gasproduktion gegenüber Normalpersonen, was mit der Ernährung wie auch mit der veränderten Darmflora zusammenhängt; sie führt über Dehnung der Darmwand zu Schmerzen.

Verändertes Schmerzempfinden: Eine gesteigerte intestinale Sensitivität (Schmerzwahrnehmung) sowie eine Dysfunktion des enterischen autonomen Nervensystems werden heute als wesentlich für die Pathogenese des Reizdarmsyndroms angesehen[8][9]. Sie führen zu einer veränderten Motilitätsantwort auf Dehnung nach Nahrungszufuhr und durch Blähungen.

Gehirn und Darm, emotionaler Stress: Stress und neurotische Fehlhaltung sind als Auslöser möglich; psychologische Faktoren tragen offenbar zu einer veränderten Schmerzwahrnehmung bei [10], liegen aber nicht bei jedem Patienten vor. Heute wird die wechselseitige Beeinflussung von Gehirn und Darm (brain-gut axis) als gegeben angesehen. Die Psyche scheint über diesen Weg vielfachen Einfluss auf Auslösung und Verlauf des Reizdarmsyndroms zu nehmen; diskutiert wird, dass im Einzelfall traumatische Ereignisse und familiäre Belastungssituationen in der Kindheit, neurotische Entwicklung und Medikamenten- oder Drogenabhängigkeit eine Rolle spielen können [11]. Ursache kann sein, dass es bei emotionalem Stress in bestimmten Regionen des Gehirns zu einem Tryptophan- und Serotonin-Mangel kommt, der sich auch Schmerzempfinden und Darmmotilität inklusive dem Stuhldrang auswirkt [12][13]. Speziell bei vorherrschender Diarrhö könnte eine vermehrte postprandiale Serotonin-Freisetzung bedeutsam sein [14], bei vorherrschender Obstipation eine veränderte rektale Empfindlichkeit.

Hormonelle Beeinflussung. Eine prämenstruelle Verschlechterung deutet auf hormonelle Beeinflussungen.

Laktoseintoleranz: Eine Laktoseintoleranz stellt keine Ursache dar; sie sollte ausgeschlossen sein. Allerdings kann sie zu einer erheblichen Verschlechterung der Symptomatik bei Reizdarm führen.

Siehe auch Reizdarmsyndrom – Neues.