Moral hat biologische Grundlagen

Moral hat biologische Grundlagen. Das Moralempfinden gehört zu den komplexesten Aspekten des menschlichen Wesens. Menschen unterscheiden sich darin mehr oder weniger deutlich. Bildgebende Verfahren wie das funktionelle Magnetresonanz-Imaging (fMRI) haben zu neuen Erkenntnissen entscheidend beigetragen. Dabei wird moralisch meist als eine Eigenschaft oder Einstellung betrachtet, die von moralischen Normen geleitet ist, welche Nutzen und Schaden anderer Menschen einbeziehen [1]. Auch Gerechtigkeit ist eine der moralischen Kategorien, was zu besonderen Problemen der Vereinbarkeit der verschiedenen Normen (Gerechtigkeit vs. Sorge um…) führt [2].


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Beeinflussung moralischer Entscheidungen durch das Geschlecht


Offenbar gibt es Geschlechtsunterschiede bei moralischen Entscheidungen, wobei unklar ist, ob sie aus kulturellen Bedingungen erwachsen, wie es beispielsweise für den Einfluss der Religion anzunehmen ist. In einer Studie beispielsweise gaben Männer unabhängig von ihrer Religion bei persönlichen moralischen Dilemmata signifikant häufiger Entscheidungen nach Nützlichkeitsaspekten ab als Frauen [3].

Beeinflussung moralischer Entscheidungen durch Stress


Emotional stark belastende Dilemmata mit persönlichem Bezug führen zu anderen Entscheidungen als Situationen, bei denen kein solcher Bezug empfunden wird. Ohne persönlichen Bezug sind Probanden eher bereit, eine unschuldige Person zu opfern, um mehrere andere Menschen zu retten, als wenn ein persönlicher Bezug vorliegt [4].

Stress beeinflusst offenbar moralische Entscheidungen. Dies ist in einer anderen Studie auch an normalen Probanden festgestellt worden. Es wurden verschiedene Dilemma-Typen vorgelegt, nicht-moralische, unpersönlich moralische und persönlich moralische. Unter Stress durch starken persönlichen moralischen Konflikt wurden insgesamt weniger Entscheidungen nach Nützlichkeitserwägungen getroffen als ohne Stress. Frauen zeigten signifikant weniger Entscheidungen nach Nützlichkeitsgesichtspunkten als Männer. Die Vorstellung von Geschlechtsunterschieden (s.o.) bei moralischen Entscheidungen wird durch diese Untersuchungen gestützt [5].

Gehirnregionen, die an moralischen Entscheidungen beteiligt sind

Moralische Entscheidungen des Alltags sind nach bisherigen bildgebenden Verfahren (Neuroimaging – funktionelles Magnetresonanz-Imaging, fMRI) nicht an eine besondere Hirnregion gebunden; offenbar ist ein Netzwerk von Hirnregionen einbezogen. Dazu gehören der mediale orbitofrontale Cortex, der temporale Pol und der obere temporale Sulkus der linken Hemisphäre [6].

In einer Studie mit funktioneller Magnetresonanz-Bildgebung (fMRI) an Menschen, denen die Aufgabe gegeben wurde, in bestimmten Situationen zu lügen, wurde herausgefunden, dass der linke Temporallappen, der mediofrontale Cortex, der laterale orbitofrontale Cortex bis hin zum dorsolateralen präfrontalen Cortex, der Nucleus caudatus, die linke temporoparietale Verbindung (TPJ) und das rechte Cerebellum aktiviert wurden. Insbesondere TPJ könnte eine wichtige Rolle bei der Intention zu lügen spielen [7].

In schweren Konfliktfällen, die einer Person emotional ganz besonders nahe gehen, scheint der ventromediale Cortex des präfrontalen Gehirns (vmPFC) eine ganz besondere Rolle für moralische Entscheidungen zu spielen. Menschen mit Schädigung dieser Region zeigen verminderte emotionale Reaktionen wie Mitgefühl, Scham und Schuldgefühle, die eng mit Moralvorstellungen assoziiert sind [8][9]. In einer Studie an 6 Menschen mit vmPFC-Schädigung wurden vorgelegte schwere moralische Dilemmata (z.B. Retten von Leben mehrerer Personen zugunsten Rettung eines Lebens) anders (eher in Richtung Opferung) gelöst als von Normalpersonen; wohingegen andere, weniger emotional-dramatische Dilemmata ohne soziale Komponente in gleicher Weise wie von Normalpersonen entschieden wurden. Es wird geschlussfolgert, dass die Einbeziehung des vmPFC in die Entscheidung vom Kontext abhängt [10]. In anderen Szenarios, in denen eine persönliche Frustration und Provokation entsteht, reagieren vmPFC-geschädigte Menschen mit verminderter Frustrationskontrolle und Ärger [11].

In einer fMRI-Untersuchung wird festgestellt, dass die persönliche Nähe zu einem Menschen („Humanisierung“ einer Person) für Entscheidungen in einem moralischen Dilemma, in der er eine Rolle spielt, wesentlich ist; je „humanisierter“ eine Person wahrgenommen wird, desto geringer Spielen Nützlichkeitskriterien bei solchen Entscheidungen ein Rolle. Es zeigen sich Aktivitäten in temporoparietalen und mediale präfrontale Regionen und des rechten vorderen Gyrus cinguli, der eng verbunden ist mit dem vorderen Teils der Insel des Gehirns [12].

Beeinflussung moralischer Entscheidungen durch den Stoffwechsel

Serotonin

Serotonin (5-Hydroxytryptamin, 5-HT) ist ein synaptischer Überträgerstoff im Gehirn. Es beeinflusst das Sozialverhalten durch Modulation von Emotionen. Es erhöht die emotionale Abneigung, anderen Menschen Schmerz zuzufügen, was wahrscheinlich durch seine Wirkung in der Amygdala, der Insel des Gehirns und im ventromedianen präfrontalen Cortex (vmPFC) erklärt werden kann. Eine intakte oder erhöhte Serotonin-Funktion bestärkt prosoziales Verhalten, wohingegen eine eingeschränkte Serotoninfunktion mit antisozialem und aggressivem Verhalten assoziiert ist [13][14].

Die Aktivität des Transporters für Serotonin (5-Hydroxytryptamin, 5-HT) in Gehirnzellen ist für die Serotonin-Wirkung entscheidend. Eine geringere Aktivität bei genetischem Polymorphismus führt zu einer verringerten Serotonin-Wirkung, was sich auf funktionaler Ebene des Gehirns in einer Veränderung der Beurteilung moralischer Probleme auswirkt. Menschen mit dem LL-Genotyp bewerteten ein moralisches Dilemma zwischen dem Opfer einer Person und dem Schaden mehrerer Personen eher zugunsten der sozialen Gruppe. Das S-Allel ist dagegen mit einem erhöhten emotionalen Empfinden verbunden [15].

Die Serotonin-Aktivität beeinflusst offenbar generell die moralische Beurteilung kritischer Situationen in Richtung Vermeidung von persönlichem Schaden. Ein akuter Mangel an Tryptophan (kann induziert werden durch 5,7-Dihydroxytryptamin, der Vorstufe von Serotonin), bewirkte, dass Probanden signifikant häufiger unfaire Angebote ablehnten, obwohl ihre Beurteilung, ob das Angebot fair oder unfair war, sich nicht von Kontrollprobanden unterschied, und obwohl von den Probanden kein Einfluss auf die Stimmung berichtet wurde. Eine Manipulation der Serotonin-Funktion kann, so ist die Folgerung, selektiv die Reaktion auf Unfairnis verändern [16]. Auch Patienten mit einer vmPFC-Schädigung neigen dazu, häufiger unfaire Angebote zurückzuweisen [17].

Oxytocin

Oxytocin ist das weibliche Sexualhormon, das den Geburtsprozess steuert. Es wird im Gehirn (Nucleus paraventricularis) vorgefertigt und über den Hypophysenhinterlappen sezerniert. Es hat nicht nur hormonartige Wirkungen auf die Uteruskontraktilität und die Milchbildung sowie auf andere Körperfunktionen, sondern es ist auch ein Neurotransmitter im Gehirn und wirkt als solcher positiv auf soziale Kontakte (Partnerbindung, Bindung der Mutter zum Säugling). Oxytocin fördert prosoziales Verhalten und das Vertrauen in andere Menschen [18]. Es fördert Kooperation und gegenüber konkurrierenden Gruppen ein abwehrendes, aber kein aggressives Verhalten [19]. Probanden, die Oxytocin erhalten hatten, waren häufiger bereit, einen Menschen einer anderen ethnischen Gruppe zu opfern, um eine Gruppe ethnisch nicht festgelegter Menschen zu retten, als einen Menschen der gleichen ethnischen Gruppe [20]. Oxytocin vermindert das prosoziale Verhalten gegenüber Menschen, die nicht zur selben Gruppe gehören [21]. Daher lässt sich die Wirkung besser als „pro-in-group’ effects“ beschreiben.

Mehr zu Oxytocin siehe hier.

Moralischer Übermensch

Da immer klarer wird, dass genetische Voraussetzungen zum Moralempfinden beitragen, wird unter Ethikern bereits diskutiert, ob die Schaffung von Menschen mit einem überlegenen Moralempfinden möglich ist (sie werden als „post-persons“ bezeichnet), ob solche Wesen sich als moralisch höher stehend empfinden würden [22][23][24] und ob diese Entwicklung nicht falsch wäre [25].

Beeinflussung moralischer Entscheidungen durch Medikamente

In Kenntnis der Abhängigkeit moralischer Entscheidungen von der aktuellen Stoffwechselaktivität des Gehirns und der Transmitter, sind Untersuchungen zu ihrer medikamentösen Beeinflussbarkeit von hohem Interesse. Ebenso wichtig ist eine Diskussion über die möglichen, wünschbaren und vertretbaren Indikationen solch einer Beeinflussung.

Es wird die Sorge diskutiert, das die Beeinflussbarkeit moralischer Entscheidungen durch Medikamente zu weit reichenden und schwierig zu evaluierenden Konsequenzen im persönlichen und juristischen Bereich und auf der Ebene der Bevölkerung hat. Einzelne Menschen können zu Entscheidungen veranlasst werden, die sie sonst nicht treffen würden. Und eine Bevölkerungsgruppe vermag dadurch, das einige Mitglieder unter der Wirkung solcher Medikamente stehen, zu einem unvorhersehbaren Gruppenverhalten neigen [26].

Propranolol

Propranolol ist ein noradrenerger Betablocker. In der Situation eines moralischen Dilemmas (5 Leben retten gegen Tötung eines Unschuldigen) senkt es Herzfrequenz, hatte aber keinen Effekt auf die Stimmung der Probanden der Studie. Unter seinem Einfluss wurden häufiger harmlose Aktionen als moralisch inakzeptabel beurteilt, aber nur wenn sie als nah und persönlich empfunden wurden. Die Urteile waren in der Propranolol-Gruppe entschiedener als in der Placebogruppe. Die noradrenergen Signalwege spielen daher eine Rolle bei Entscheidungen in Situationen moralischer Dilemmata. Dies steht im Einklang mit früheren Befunden, in denen Emotionen bei moralischen Entscheidungen eine Rolle spielen. [27].

Citalopram

Citalopram ist ein selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, der über seine Verringerung der Serotonin-Verfügbarkeit einen prosozialen Effekt ausübt; d.h. es bewirkt, dass moralische Dilemmata eher in Richtung für als gegen einen gemeinschaftlichen Nutzen gelöst werden. Die Wirkung wird hauptsächlich über eine Steigerung der Abneigung gegen Schaden erreicht [28].

Medikamentöse Triebkontrolle

Es wird angenommen, dass Medikamente, die die Kontrolle eines überschießenden Antriebs / Triebs verbessern, wie beispielsweise Ritalin bei ADHS-Patienten, die moralischen Entscheidungen in bestimmten Situationen im Sinne des Sozialgefüges beeinflussen können. Ritalin bewirkt bei den häufig Gewaltbereiten eine Mäßigung und bei überschießend Reagierenden eine Verminderung von Gewalt und antisozialem Verhalten. Wenn es gelingt, medikamentös zudem Empfinden und Verhalten in Richtung Altruismus und Empathie zu verstärken, könnten – so eine Diskussion – moralische Dilemmata von Menschen dieser Veranlagung prosozialer gelöst werden [29].


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Verweise

Literatur

  1. ? Philos Psychiatr Psychol. 2014 Jun 1;21(2):111-125.
  2. ? Curationis. 1998 Mar;21(1):19-24
  3. ? Cogn Process. 2010 Aug;11(3):219-26
  4. ? Science. 2001 Sep 14; 293(5537):2105-8
  5. ? Psychoneuroendocrinology. 2012 Apr;37(4):491-8
  6. ? Neuroimage. 2002 Jul;16(3 Pt 1):696-703
  7. ? Neurosci Res. 2009 Jan;63(1):24-34
  8. ? Arch Neurol. 1992 Jul; 49(7):764-9
  9. ? Nat Neurosci. 1999 Nov; 2(11):1032-7
  10. ? Nature. 2007 April 19; 446(7138): 908–911
  11. ? J Neurosci. 2007 Jan 24; 27(4):951-6.
  12. ? PLoS One. 2012;7(10):e47698. doi: 10.1371/journal.pone.0047698. Epub 2012 Oct 17
  13. ? J Neurosci. 2007 Oct 31; 27(44):11803-6.
  14. ? Ann N Y Acad Sci. 2009 Jun; 1167():76-86
  15. ? PLoS One. 2011;6(10):e25148. Epub 2011 Oct 5.
  16. ? Science. 2008 Jun 27;320(5884):1739
  17. ? J Neurosci. 2007 Jan 24; 27(4):951-6
  18. ? Nature. 2005 Jun 2; 435(7042):673-6
  19. ? Science. 2010 Jun 11; 328(5984):1408-11
  20. ? Proceedings of the National Academy of Sciences. 2011;108(4):1262–6.
  21. ? Science. 2010 Jun 11; 328(5984):1408-11
  22. ? J Med Ethics. 2012 Mar;38(3):140-1
  23. ? J Med Ethics. 2012 Mar;38(3):135-9
  24. ? J Med Ethics. 2012 Mar;38(3):143-4
  25. ? Agar N. J Med Ethics. 2012 Aug 24. [Epub ahead of print]
  26. ? Philos Psychiatr Psychol. 2014 Jun 1;21(2):111-125
  27. ? Biol Psychol. 2012 Oct 23. pii: S0301-0511(12)00197-4. doi: 10.1016/j.biopsycho.2012.09.005. [Epub ahead of print]
  28. ? Proc Natl Acad Sci U S A. 2010 Oct 5;107(40):17433-8
  29. ? Monist. 2012 July; 95(3): 399–421.