Appetit

Appetit bedeutet landläufig Lust auf Essen unabhängig vom Hungergefühl. Hunger dagegen ist Verlangen nach Nahrung. Appetit lässt Menschen oft mehr essen als erforderlich, auch über den eigentlichen Hunger hinaus. In der Forschung an Versuchstieren wird oft die Häufigkeit der Mahlzeiten (meal frequency) als ein Maß für den Appetit betrachtet und von der Größe der Mahlzeiten (meal size, consummatory response) unterschieden [1]. Der Appetit wird im Gehirn reguliert.

Pathophysiologie


Appetit wird vielfältig reguliert [2]. Spezielle Kerne im Stammhirn werden durch Appetit-anregende und Appetit-unterdrückende Faktoren beeinflusst. Appetit-regulierende Signale stammen vor allem aus dem Magendarmkanal und aus dem Fettgewebe.

Der Nucleus arcuatus spielt eine zentrale Rolle in der Regulierung des Appetits. Er produziert sowohl Appetit fördernde als auch hemmende Signale. Zu den Appetit fördernden Signalen gehört das Neuropeptid Y (NPY). Zu den Appetit hemmenden Signalen gehören POMC (Pro-Opiomelanocortin) und CART (Amphetamine Regulated Transscript).

Kerne, die vom Nucleus arcuatus angesteuert werden, sind

  • der Nucleus paraventricularis, der TRH (Thyreotropin Releasing Hormone), CRH (Coreticotropin Releasing Hormone) und Oxitocin produziert und darüber eine Gewichtszunahme verhindert,
  • der laterale Hypothalamus, der die Appetit fördernden OXA (Orexin A) und MCH (Melanine Concentrating Hormone) produziert.

Appetit-anregende Faktoren

Zu den wesentlichen Appetit anregenden Faktoren, die im Körper gebildet werden, gehören Ghrelin, Neuropeptid Y (NPY), Endocannabinoide und Orexin-A.

  • Ghrelin ist das einzige in der Körperperipherie gebildete Hormon, das den Appetit steigert. Es wird in der Magenschleimhaut und dort hauptsächlich im Fundus gebildet und entfaltet seine Hauptwirkung im Gehirn („gut-brain axis“). Ghrelin wird bei Hunger gebildet, stimuliert die Nahrungsaufnahme und führt zur Gewichtszunahme[3]. Ghrelin ist ein wirksamer Stimulator der Wachstumshormonproduktion (GH secretagogue).
  • Das Neuropeptid Y (NPY) wird im Hypothalamus, Nucleus paraventricularis und Nucleus arcuatus gefunden und regt den Appetit an. Ein Befehlsweg des NPY geht über den Nucleus arcuatus zur Bildung des Corticotropin-releasing-Hormons (CRH), so dass NPY zur Bildung von Glukokortikoiden führt. Glukokortikoide fördern den Appetit weiter durch Ankurbelung der Genexpression von Neuropeptid Y. Leptin, das das Hungergefühl unterdrückt, hemmt die Freisetzung des Appetit-steigernden NPY. Bei der Anorexia nervosa werden eine erhöhte Produktion von Neuropeptid Y und eine erniedrigte von Leptin gefunden [4], was als reaktive Über- bzw. Unterproduktion aufgefasst werden kann.
  • Endocannabinoide (z. B. Anandamid), werden von postsynaptischen Neuronen gebildet und wirken über die Rezeptoren CB1 (im Gehirn) und CB2 (auf Zellen des Immunsystems). Endocannabinoide werden im Gehirn und in Muttermilch gefunden. Sie verstärken (über CB1) bei Versuchstieren den Geschmack für Süßes [5] und führen zu einer Appetit- und Gewichtszunahme. Ein vorübergehend therapeutisch eingesetzter CB1-Blocker ist Rimonabant; er wurde wegen psychischer Nebenwirkungen vom Markt genommen. Endocannabinoide korrelieren invers mit dem Leptin-Spiegel; Leptin unterdrückt das Empfinden für Süß.
  • Orexin A wird im lateralen Hypothalamus gebildet und fördert zentral Appetit und Nahrungsaufnahme [6]. Orexine stimulieren zudem peripher die Magensekretion und beeinflussen die Darmmotilität über Rezeptoren im darmeigenen Nervensystem (Plexus myentericus and submucosus) [7]. Eine Stimulierung der Orexine führt zugleich zu einer Schlafreduktion, so dass hierüber die Assoziation zwischen Schlaflosigkeit einerseits und eine Abnahme von Leptin, einer Zunahme von Ghrelin sowie Adipositas andererseits erklärt werden könnte [8].

Appetit-unterdrückende Faktoren

  • Sättigungssignale an des zentrale Nervensystem stammen aus dem Gastrointestinaltrakt. Zu ihnen gehören Cholecystokinin (CCK), das Glucagon-like Peptid-1 (GLP-1) and Peptid YY (PYY). Sie werden während der Nahrungsaufnahme gebildet und über den Vagus zum Nucleus tractus solitarius (NTS) ins kaudale Stammhirn und von dort zum Nucleus arcuatus geleitet, wo die Sättigungssignale schließlich mit denen von Leptin und Insulin und zudem offenbar auch weitere Signale aus dem Hypothalamus zusammentreffen und zu einer individuellen Reaktion auf die Nahrungsaufnahme verarbeitet werden.
    • Cholecystokinin (CCK) gehört zu den wesentlichen Appetit-unterdrückenden Faktoren. Es wird im Dünndarm bei der Fettverdauung gebildet und vermittelt dem Gehirn den Eindruck das Gefühl der Sättigung.
    • Obestatin ist möglicherweise ein physiologischer Gegenspieler des Ghrelin (s.o.). Es entsteht wie Ghrelin aus Präproghrelin. Die Ghrelin/Obestatin Balance ist bei der Anorexia nervosa und bei der Adipositas verändert.
  • Leptin, das in Fettgewebe gebildet wird („Adipozytenhormon“), wirkt im Sinne eines negativen Feed-back und bewirkt im Gehirn eine Unterdrückung von Hunger; es dient der Regulierung der Körperfettmenge. Die Leptin-Empfindlichkeit wird bei der diätetisch-induzierten Adipositas herabgesetzt [9].

Appetitlosigkeit


Mangel an Appetit ist durch ein Überwiegen der Faktoren bedingt, die den Appetit unterdrücken. Auf Dauer führt Appetitlosigkeit zu Gewichtsabnahme, Untergewicht und Kachexie.

Häufig finden sich folgende Ursachen:

Verweise

Literatur

  1. ? Endocrinology. 2009 Mar;150(3):1202-16
  2. ? Nutr Metab Cardiovasc Dis. 2008 Feb;18(2):158-68
  3. ? Rev Endocr Metab Disord. 2006 Dec;7(4):237-49
  4. ? Neuro Endocrinol Lett. 2005 Aug;26(4):301-4.
  5. ? Proc Natl Acad Sci U S A. 2010 Jan 12;107(2):935-9
  6. ? Endocrinology. 2009 Mar;150(3):1202-16
  7. ? Curr Protein Pept Sci. 2010 Mar;11(2):148-55
  8. ? Ann N Y Acad Sci. 2008;1129:287-304
  9. ? Nutr Neurosci. 2005 Feb;8(1):1-5